Klavierabend mit Seong-Jin Cho:
Die Auflösung von Widersprüchen – zwischen Disziplin, Perfektion und Emotionalität
Es war ein zutiefst beeindruckender, glücklicher Zufall, der Ende Januar 2025 den südkoreanischen Starpianisten Seong-Jin Cho zu einem kurzfristigen Gastspiel in die Konzertwerkstatt des Erlanger Musikinstituts führte: Unter den vielen asiatischen Groupies, die sich einfanden, hatte sich das schnell herumgesprochen. Der andere Teil des Publikums zählte spätestens nach diesem phänomenalen Konzert zur sich stetig vergrößernden Fangemeinde. Es wurde ein unvergesslicher Abend, an dem der damals 30-jährige Pianist mit seiner dreistündigen Präsentation aller Soloklavierwerke von Maurice Ravel mächtigen Eindruck hinterließ.
Seit Anfang 2016 ist Cho Exklusivkünstler bei der Deutschen Grammophon und blickt seitdem auf eine Vielzahl an erfolgreichen Veröffentlichungen zurück. Chos aktuelles Album ist Ravels 150. Geburtstag gewidmet und umfasst das gesamte Klavierwerk sowie die Klavierkonzerte, eingespielt mit dem Boston Symphony Orchestra unter Andris Nelsons. Das Projekt markiert Chos erste vollständige Auseinandersetzung mit dem Œuvre eines einzelnen Komponisten. Die Soloklavierwerke wurden 2025 mit dem Opus Klassik in der Kategorie „Instrumentalist des Jahres“ ausgezeichnet.
Er selbst sagt: „Ich muss gestehen, dass mir der Komponist etwas mehr am Herzen liegt als das Publikum. Es klingt vielleicht egozentrisch, aber ich glaube, meine Aufgabe besteht vor allem darin, den Komponisten, seine Musik, seine Sprache und seine Emotionen immer besser zu verstehen. Im nächsten Schritt versuche ich dann, all das dem Publikum zu vermitteln.“
Dabei gibt sich der 33-Jährige äußerst bescheiden, fast schüchtern oder – vielleicht besser gedeutet – hochkonzentriert, allein der Musik dienend. Show-Effekte gibt es bei Seong-Jin Cho nicht. Dafür Musik, die in vielen Farben leuchtet, technisch perfekt präsentiert.
An Perfektion in der Musik glaubt er nicht: „Sie existiert nicht. Man muss lebendig klingen. Trotz richtiger Noten kann ein Vortrag nämlich total leblos erscheinen. Noten sind nicht mehr als Werkzeuge des Ausdrucks. Um ihn herzustellen, nützt Perfektion gar nichts.“
In einem Interview bezeichnet er sich selbst als schüchtern und berichtet von heftigem Lampenfieber vor seinen Auftritten, das ihm so nicht anzumerken ist. Vielmehr wirkt er freundlich-kühl, wenn er ins Rampenlicht tritt.


© StephanRabold
„Auf der Bühne werde ich eine andere Person. Außerdem ist mein großer Freund, das Klavier, bei mir. Manchmal hört es mir auch nicht zu. Doch da komme ich schon mit zurecht. Ich bin introvertiert. Wenn ich auf Partys oder Dinners eingeladen bin, zu denen mehr als acht Leute kommen, bin ich geliefert. Dann fühle ich mich unwohl … Schüchternheit ist in meinen Augen nichts Schlechtes. Die Generation meiner Eltern war insgesamt, glaube ich, eher schüchtern. Inzwischen, bei den Jüngeren, hat es sich geändert. Ich bin immer noch wahnsinnig nervös, wenn ich auf die Bühne gehe. Den schlimmsten Augenblick meiner Karriere habe ich erlebt, als in den USA mein Gepäck einmal nicht mitgekommen war. Ich musste eine Ansage machen. Blanker Horror.“
Seong-Jin Cho wurde 1994 in Seoul geboren und begann zunächst mit Geige und „erst“ im Alter von sechs Jahren mit dem Klavierspiel, in einem Land, in dem strenge Regeln und große Konkurrenz herrschen. Mit elf Jahren gab er sein erstes öffentliches Rezital. 2009 wurde er mit dem Gewinn des Hamamatsu International Piano Competition in Japan der jüngste Preisträger in der Geschichte des Wettbewerbs. 2011 gewann er im Alter von 17 Jahren den dritten Preis beim Internationalen
Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau. Von 2012 bis 2015 studierte er bei Michel Béroff am Conservatoire National Supérieur de Musique et de Danse de Paris. 2015 sorgte er für weltweite Aufmerksamkeit, als er den 17. Internationalen Chopin-Wettbewerb in Warschau gewann. Seither tritt er in den großen Konzertsälen und mit den renommiertesten Orchestern der Welt auf.
Heute lebt Cho in Berlin. Seine Konzertaktivität ist gigantisch: Da kommt es schon mal zu 20 Konzerten in einem Monat, die in mehreren Ländern Europas und den USA stattfinden, unterschiedliche Programme inklusive.
Das Üben nimmt, wenn er nicht auf Reisen ist, einen vergleichsweise bescheidenen Teil seines Lebens ein: „Ich spiele normalerweise eine Stunde vor dem Mittagessen. Und drei Stunden vor dem Abendessen. Um 20 Uhr ist Schluss, wegen der Nachbarn. Es ist ein gutes Leben.“
Text: Sabine Kreimendahl


