Lauter Hits und Highlights
Julia Fischer, das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und Vladimir Jurowski mit Sibelius und Tschaikowsky
Sie ist eine Ausnahmemusikerin von beeindruckender Vielseitigkeit: Julia Fischer zählt als Solistin und Kammermusikerin nicht nur zur Spitze der geigerischen Weltelite, sie hat sich auch als Konzertpianistin von Rang profiliert. Darüber hinaus ist sie als Hochschulprofessorin eine gefragte Pädagogin, fördert mit den von ihr gegründeten Kindersinfonikern auch die Kleinen, und sie ist seit 2025 beim Boswiler Sommer in der Schweiz zudem als Festivalleiterin aktiv. 2017 war sie auch die erste Künstlerin aus der Welt der Klassik, die ihre eigene Onlineplattform, den JF Club, im Internet platzierte – Julia Fischer, eine kommunikative Musikerin am Puls der Zeit. In der Konzertsaison 2026/27 ist die vielseitige Stargeigerin „artist of reference“ beim gVe.

© Sue Yang

© Sue Yang
Die Violine im Puppenwagen
Geboren wurde Julia Fischer 1983 in München als Tochter einer Pianistin aus der Slowakei und eines deutschen Mathematikers. „Ich spreche auch Slowakisch – ich bin eine deutsch-slowakische Mischung“, bekennt sie. Mit knapp vier Jahren erhielt sie ersten Violinunterricht an der Musikschule von Helge Thelen. Bald wurde das Geige-Üben gleich nach dem Aufstehen so obligatorisch „wie das Zähneputzen“, erzählt sie. „Meine kleine Geige habe ich den ganzen Tag herumgetragen. Am Abend kam sie in den Puppenwagen: Die Puppe kam raus, die Geige kam rein.“ Ihr akademisches Violinstudium begann Julia Fischer 1989 am Leopold-Mozart-Konservatorium in Augsburg. 1992 – bereits zehn Jahre vor dem Abitur – setzte sie es an der Münchner Musikhochschule fort und wurde Schülerin der argentinisch-deutschen Geigerin und exzellenten Pädagogin Ana Chumachenco.
Auf dem Weg zur Weltkarriere
Erstmals international von sich reden machte Julia Fischer, als sie 1995 im englischen Folkestone den prestigeträchtigen Yehudi-Menuhin-Wettbewerb gewann. Die Weichen zur Weltkarriere wurden gestellt. Innerhalb eines Jahrzehnts debütierte sie mit einem Spitzenorchester unter einem Stardirigenten an einem prominenten Spielort nach dem anderen – nicht nur kreuz und quer durch Europa, sondern auch in Übersee: Mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Lorin Maazel gab sie 2003 ihr Debüt in der New Yorker Carnegie Hall.

© Sue Yang

Sensationell!
2006 wurde Julia Fischer im Alter von 23 Jahren als seinerzeit jüngsten Professorin in Deutschland an die Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst berufen. 2011 wechselte sie in gleicher Position an die Musikhochschule München und übernahm die Nachfolge ihrer Lehrerin Ana Chumachenco. Dazwischen gab sie 2008 in der Alten Oper Frankfurt ein spektakuläres Konzert, das später auch auf CD und DVD erschien: Mit der Jungen Deutschen Philharmonie unter der Leitung des Komponisten und Dirigenten Matthias Pintscher spielte sie als Solistin vor der Pause das 3. Violinkonzert von Saint-Saëns und nach der Pause das Klavierkonzert von Edvard Grieg – Julia Fischer als Geigerin und Pianistin an einem Abend in ein und demselben Konzert. Sensationell!
Passionierte Kammermusikerin
Mit besonderem, ja leidenschaftlichem Engagement widmet sich Julia Fischer der Kammermusik. Mit dem Geiger Alexander Sitkovetsky, dem Bratscher Nils Mönkemeyer und dem Cellisten Benjamin Nyffenegger bildet sie ihr eigenes Streichquartett – das Julia Fischer Quartett. Eine enge künstlerische und persönliche Freundschaft verbindet sie mit dem Cellisten Daniel Müller-Schott. „Wir interessieren uns beide für Sport. Wir haben schon Olympische Spiele zusammen geguckt oder Fußball“, erzählt Julia Fischer und fährt fort: „Da mein Mann und auch meine beiden Kinder sehr fußballfanatisch sind, bin ich ein guter Gesprächspartner. Denn ich bin immer über den FC Bayern informiert.“ Daniel Müller-Schott war es auch, mit dem Julia Fischer erstmals beim gVe gastierte: Im Oktober 2002 spielten sie in der Heinrich-Lades-Halle mit den Bamberger Symphonikern unter Christoph Poppen das Doppelkonzert von Brahms.
Rückkehr als „artist of reference“
Anfang Februar 2027 kehrt Julia Fischer nach Erlangen zurück – nun als „artist of reference“ beim gVe. Und dieses Mal hat sie ein Werk im Gepäck, das eine herausragende Rolle in ihrer Künstlerbiografie spielt: das Violinkonzert des finnischen Nationalklassikers Jean Sibelius – eines der „großen Fünf“ unter den Violinkonzerten der Romantik, neben dem von Mendelssohn, Brahms, Tschaikowsky und dem g-Moll-Konzert von Max Bruch. „Ich habe das Sibelius-Konzert zum ersten Mal gespielt, als ich 14 war“, so Julia Fischer, „und tatsächlich habe ich dann alle meine wichtigen Debüts mit diesem Stück gegeben.“ Spätestens seit damals zählt das Violinkonzert von Sibelius zu ihren Lieblingsstücken. „Ich bin normalerweise niemand, der mit Bildern hantiert, aber das ist so ein Moment“, schwärmt Julia Fischer über den Anfang des Konzerts: „Ich sehe eine weite Landschaft, schneebedeckt, grauen Himmel und einen einsamen Menschen, der eine Melodie singt, spielt, denkt. Diese Musik ist geprägt von Einsamkeit und Melancholie.“ Und doch erfrischt und belebt Sibelius durch die schöpferische Kraft seiner Musik – Julia Fischer weiß sie kongenial darzustellen.
Großes Wiedersehen und Wiederhören
Mit der Rückkehr von Julia Fischer nach Erlangen gibt es auch ein Wiedersehen und Wiederhören mit dem Star am Pult, Vladimir Jurowski, dem „artist of reference“ beim gVe in der Saison 2022/23. Wieder ist er mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin zu Gast, dessen Chefdirigent er seit 2017 ist. Nach dem Sibelius-Konzert mit Julia Fischer dirigiert Vladimir Jurowski Tschaikowskys sinfonisches Chef d’Œuvre – die „Pathétique“, die letzte Sinfonie des russischen Spätromantikers mit ihrer „unsterblichen Melodie“ im ersten Satz, ihrem unkonventionellen Walzer, ihrem fulminanten Marsch und ihrem herzzerreißenden Adagio lamentoso als Finale.
Text: Klaus Meyer

