Porträtfoto von Patricia Kopatchinskaja
© Marco Borggreve
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Patricia Kopatchinskaja

(London Philharmonic Orchestra / Edward Gardner)

Heinrich-Lades-Halle, Großer Saal, Erlangen

London Philharmonic Orchestra
Patricia Kopatchinskaja, Violine
Edward Gardner, Leitung

Sergei Rachmaninoff
Youth Symphony (1891) in d-Moll

Dmitri Schostakowitsch
Violinkonzert Nr. 2 in cis-Moll, op. 129

Jean Sibelius
Sinfonie Nr. 5 in Es-Dur op. 82

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Patricia Kopatchinskaja – die unwiderstehliche Naturgewalt und Troubadourin der geigerischen Weltklasse

Patricia Kopatchinskaja ist vielleicht die eigenwilligste, spannendste Geigerin unserer Zeit, die mit der Freiheit und Fröhlichkeit einer Pippi Langstrumpf über ihre teils provozierend modernen Programme entscheidet. In Erlangen ist sie mit Schostakowitschs Violinkonzert Nr. 2 zu erleben, das ihr auf den geigerischen Leib geschrieben sein dürfte.

Die aus Moldawien stammende Künstlerin tritt meistens barfuß auf, um „direkte Verbindung mit der Erde“ zu haben, denn sonst würde sie „abheben“, wie sie lachend bekundet. Da passt es auch, dass sie in der internationalen Welt der Geigerinnen und Geiger als „unwiderstehliche Naturgewalt“ bezeichnet wird.

Das gilt vor allem, wenn sie moderne Werke herausfordert. Und das tut sie gern! Patricia Kopatchinskaja entfacht mit ihrem Temperament, ihrer emotionalen und eigenwilligen, exaltierten Spielweise in jedem Werk, auch in den „klassischen Violinhits“, einen Tornado.

Die 43-jährige Geigerin, die mit ihren Eltern – beide bekannte Virtuosen der moldawischen Volksmusik – seit ihrem 13. Lebensjahr in Wien aufwuchs und studiert hat, komponiert leidenschaftlich gern. Das hat sich auch auf ihre Interpretationsweise ausgewirkt: „Wenn ich etwas interpretiere, stelle ich mir vor, dass ich
der Komponist bin, dass die Musik mit aller Wichtigkeit und Dringlichkeit in diesem Moment auf der Bühne geboren werden muss. Was man auch spürt, wenn man selbst komponiert: Der aufgeschriebene Ton ist nicht alles.“

In Erlangen werden die Ausbrüche der wilden Geigerin zusammen mit dem London Philharmonic Orchestra unter der Leitung des Chefdirigenten Edward Gardner in Schostakowitschs Violinkonzert sicherlich spannend: „Je mehr man riskiert, desto näher ist man der Wahrheit. Weil man sich auf Messers Schneide bewegt. Wenn man sich immer nur wiederholt, hat das nichts mit Kunst zu tun. … Es muss immer eine Revolution stattfinden, ein Protest, eine Konfrontation.“

Porträtfoto von Patricia Kopatchinskaja
© Marco Borggreve
Porträtfoto von Patricia Kopatchinskaja
© Marco Borggreve

Dieser revolutionäre Geist befördert Patricia Kopatchinskajas Vorliebe für moderne Musik, Stücke zeitgenössischer Komponisten. Neue Musik ist für die interessante Künstlerin „ein Fenster in die Freiheit.“

Ihre Mission sieht sie folgendermaßen: „Die zeitgenössische Musik ist eine Sprache, die wir verlernt haben. Wir müssen also mehr vermitteln, Theater spielen, ein bisschen inszenieren. Musik ist keine Konsumwelt. Ich bin doch eher so etwas wie eine Kabarettistin. Kabarettisten befassen sich mit aktuellen Themen, geben etwas Eigenes hinzu und ziehen damit von Ort zu Ort. So sollten auch wir Musiker durch die Welt ziehen – wie Troubadoure.“

Kopatchinskaja folgert daraus für den Konzertbetrieb: „Für mich war es als Studentin nie interessant, das Brahms-Violinkonzert aufzupolieren, sondern Stücke meiner Kollegen zu probieren. Wie Brahms klingen soll, wird unterrichtet. Aber das interessiert mich nicht, sondern wie etwas klingen könnte. Einmal saß ich irgendwo in Deutschland in einem Restaurant und merkte, dass Steffi Graf und Andre Agassi am Nachbartisch sitzen. Ich fragte mich: Kommen die heute Abend wohl in mein Konzert? Und ich dachte: Nein. Warum nicht? Weil man in einem klassischen Konzert weiß, wie’s ausgeht, im Sport nicht. Es ist zu vorhersehbar, was wir machen, und wir spielen immer dasselbe. Das ist auf eine gewisse Art so degeneriert und versteinert, dass wir uns fragen müssen: Hat das noch etwas mit Zukunft, geschweige denn mit heute zu tun?“

Nach Ansicht der Jury für die Musikpreise der Royal Philharmonic Society ist Patricia Kopatchinskaja nicht nur eine der „fantasievollsten Geigerinnen, die es heute gibt“, sondern sie ist auch fähig, Kolleginnen und Kollegen zu elektrisieren und die Hörerschaft zu hypnotisieren.

„Wenn sie sich mit den düsteren Emotionen der Meisterwerke des 20. Jahrhunderts auseinandersetzt oder wenn sie neue Werke vertritt, so ist sie so unwiderstehlich wie eine Naturgewalt: leidenschaftlich, herausfordernd und völlig eigenständig in ihrer Sichtweise.“

Patricia Kopatchinskaja lebt in Bern. Sie ist verheiratet und hat eine Tochter.

Die Moldawierin hat inzwischen die Schweizer Staatsbürgerschaft angenommen.

Text: Johanna Wilhelmi